Wissenschaftler forschten im Franz Sales Haus

Die Rolle von Medikamenten in der Heimerziehung der Nachkriegszeit (1945-1970) untersuchten Bochumer Wissenschaftler und veröffentlichten jetzt ein Buch mit den Ergebnissen.

Der Historiker Dr. Uwe Kaminsky und die Ethikerin Prof. Dr. Katharina Klöcker von der Ruhr-Universität Bochum (RUB) beleuchten in ihrem Buch „Medikamente und Heimerziehung am Beispiel des Franz Sales Hauses“ lange Zeit verschwiegene Formen des Missbrauchs von Medikamenten, insbesondere Psychopharmaka. Im Erziehungsalltag seien Medikamente auch als Disziplinierungsmittel eingesetzt worden. Aktenrecherchen und Zeitzeugeninterviews vermitteln ein umfassendes Bild des Medikamenteneinsatzes.

Im Franz Sales Hauses in Essen untersuchten die Wissenschaftler in einer der ersten umfangreichen wissenschaftlichen Analysen auch, ob in der Einrichtung ein Medikament vor seiner Markteinführung an Heimkindern getestet wurde. Die Vermutung läge nahe, so Dr. Uwe Kaminsky, denn in der Anwendungsbeobachtung wird das Präparat als „T57“ bezeichnet. Rechtlich gesehen spielten sich in Deutschland damalige Medikamententests in Heimen in einem Graubereich ab, da Testungen an Minderjährigen nicht generell verboten waren und Einwilligungen von Erziehungsberechtigten auch nur mündlich erteilt werden konnten.

Eine Besonderheit der Bochumer Studie ist ihre ethische Akzentsetzung. Auf Grundlage der historischen Rekonstruktion der Medikamentengabe legt das Buch erstmals eine ausführliche ethische Bewertung im Heimkontext vor. Exemplarisch richtet sich dabei der Blick auf den in den 1950er- und 1960er-Jahren im Franz Sales Haus amtierenden Arzt, der Medikamente nicht nur aus therapeutischen Gründen einsetzte, sondern diese vermutlich auch testete und darüber hinaus als Disziplinierungsmittel zur Aufrechterhaltung der Struktur des Heims nutzte. Diese Formen des Medikamenteneinsatzes werden in der Studie dezidiert als Missbrauch eingeordnet. „Auch unter Berücksichtigung des zeitgeschichtlichen Kontextes ist eine Rechtfertigung der Medikamentengaben zum Wohl der Kinder nicht haltbar“, so Katharina Klöcker. Institutionelle und strukturelle Bedingtheiten hätten das Handeln des Arztes zwar beeinflusst. Er sei aber trotzdem in hohem Maße mitverantwortlich dafür, „dass den Heimkindern im Franz Sales Haus durch moralisch nicht zu rechtfertigende Medikamentengaben großes Leid widerfuhr“.

Ein zentrales Anliegen der Studie ist es, im Eingedenken des Medikamentenmissbrauchs in der Heimerziehung der Nachkriegsjahrzehnte ein Bewusstsein für mögliche Formen des Medikamentenmissbrauchs in der Gegenwart zu schärfen.

„Die bedrückenden Erkenntnisse zum Umgang mit Medikamenten in der damaligen Zeit machen uns betroffen“, so der Direktor des Franz Sales Hauses, Hubert Vornholt. Sie zeigten, wie wichtig die Auseinandersetzung mit der Geschichte sind: um das Leid der Betroffenen anzuerkennen und Lehren für Gegenwart und Zukunft des Franz Sales Hauses zu ziehen. Hierbei sei auch ethische Reflexion von besonderem Wert, betonte Vornholt.

Das Buch „Medikamente und Heimerziehung am Beispiel des Franz Sales Hauses“ von Uwe Kaminsky und Katharina Klöcker ist im Aschendorff-Verlag, Münster erschienen.
ISBN 9783402246979


Hier finden Sie eine Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse